Der Unterschied zwischen Autodesk Fusion und Inventor: Welche CAD-Strategie passt zu Ihrem Unternehmen?

Gerhard Wulff und Rajko Schmidt im Interview zu Autodesk Fusion vs. Inventor

Die Entscheidung für eine neue CAD-Software ist mehr als eine technische Auswahl – sie ist eine strategische Weichenstellung. Sie beeinflusst, wie effizient Ihre Konstruktion arbeitet, wie nahtlos Ihre Fertigung angebunden ist und wie flexibel Ihr Unternehmen auf zukünftige Anforderungen reagieren kann.

Mit Autodesk Fusion und Autodesk Inventor stehen zwei leistungsstarke Lösungen zur Wahl, die aus demselben Haus stammen, jedoch unterschiedliche Konzepte verfolgen. Während Inventor im klassischen Maschinen- und Anlagenbau etabliert ist, setzt Fusion auf eine integrierte, cloudbasierte Plattformstrategie. Doch welches System passt zu Ihrer Organisation und Ihrer IT-Strategie?

Gerhard Wulff und Dr. Rajko Schmidt, Autodesk Solution Manager bei Cideon, geben praxisnahe Einblicke aus Kundenprojekten und ordnen die Unterschiede klar ein. Das vollständige Gespräch können Sie auch als Video auf unserem YouTube Kanal ansehen.

Wie unterscheiden sich Autodesk Inventor und Autodesk Fusion grundsätzlich in ihrer Ausrichtung und Zielgruppe?

Rajko Schmidt: „Autodesk Inventor ist ein etabliertes System für den Maschinen- und Anlagenbau. Die Software wird lokal installiert und bietet eine hervorragende Performance auf lokalen Rechnern. Außerdem bietet Inventor unheimlich viele Schnittstellen an angrenzende Systeme.”

Gerhard Wulff: „Autodesk Fusion ist eine cloudbasierte Plattform und bietet ein ganzes Paket an Funktionalitäten rund um das Engineering und die Fertigung. Fusion ermöglicht die Cloud-Collaboration mit mehreren verteilten Konstrukteuren. Alle Daten werden in der Cloud verwaltet. Das heißt, Funktionalitäten aus dem Bereich PDM oder aus anderen Systembereichen sind in die Plattform integriert.”

Für welche Branchen oder Anwendungsfälle eignet sich Inventor besonders gut? Welche Industrien profitieren eher von Fusion?

Rajko Schmidt: „Inventor stammt historisch gesehen aus dem klassischen Maschinen- und Anlagenbau. Genau hier liegen dementsprechend die Stärken der Software – bei der Handhabung der Daten, die in diesen Fällen entstehen beziehungsweise generiert werden.”

Gerhard Wulff: „Fusion ist das jüngere Produkt und war ursprünglich auf die Start-up-Szene ausgerichtet, um neue, innovative Produkte zu entwickeln. Seitdem hat sich die Software weiterentwickelt und ist ‘erwachsen geworden’. Nun kann Fusion zum Beispiel auch für den Vorrichtungsbau eingesetzt werden. Viele Unternehmen nutzen Fusion darüber hinaus für den CAM-Bereich, weil die Plattform sowohl CAD als auch CAM abdeckt.”

Welche Stärken bringt eurer Meinung nach jedes der beiden Tools mit?

Gerhard Wulff: „Bei Fusion ist es ganz klar die Vielfältigkeit. Wir können in Fusion ein Konzept für ein ganzes Produkt erstellen. Wir haben Freiformflächendesign, wo wir zum Beispiel einen Föhn oder eine Kaffeemaschine designen können. Wir können die Detailkonstruktion innerhalb dieses Bauteils machen. Wir können außerdem in Richtung Formenbau oder Blechverschachtelung gehen und sogar der Bereich Leiterplattenelektronik wird durch Fusion abgedeckt. Fräs- und Drehteile können direkt über Fusion in die Fertigung übergeben werden. Das alles kann innerhalb dieser einen Plattform als Team abgebildet werden.”

Autodesk Fusion Produktentwicklung

Rajko Schmidt: „Inventor ist sehr stark im CAD und in der Produktentwicklung und -Modellierung. Das zeigt sich einerseits in vielen ausgereiften Details, die bis ins Kleinste auch schön funktionieren. Andererseits – und das ist eine große Stärke von Inventor – bringt die Software im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus unheimlich viele Zusatzmodule mit. Das beginnt bei Rohrleitungen und geht über Kabelbäume bis zu Stahlbaugestellen. Die große Inventor Normteilbibliothek, in der Millionen Teile verfügbar sind, bietet Konstruktionsteams einen weiteren Vorteil.”

Autodesk Inventor Produktentwicklung

Gerhard Wulff: „Das Thema Normteilbibliotheken ist in Fusion noch ganz jung, aber Autodesk arbeitet bereits daran, die Bibliotheken aufzubauen. Im Bereich Schrauben, Unterlegscheiben und Muttern hat sich schon einiges getan, aber es ist auch noch Luft nach oben vorhanden.”

Wie gut eignen sich Inventor und Fusion für komplexe Baugruppen und wo liegen die Grenzen?

Gerhard Wulff: „Ich glaube, Komplexität kann man aus zwei Perspektiven betrachten. Das eine ist die Komplexität des Einzelteils, einer komplexen Fläche, eines komplex modellierten Bauteils. Da können wir mit Fusion sehr gut arbeiten und auch hochkomplexe Einzelteile designen. Wenn wir Komplexität aber aus der Perspektive Anzahl von einzelnen Komponenten in einer Baugruppe betrachten, dann sind wir bei Fusion bei etwa ein paar Hundert Komponenten, die wir in einer komplexen Vorrichtung bearbeiten können. Aber da geht es, denke ich, in Inventor noch wesentlich weiter.”

Rajko Schmidt: „Auf jeden Fall, gerade durch die Anwendung im Bereich Sondermaschinenbau und im Anlagenbau. Dort habe ich naturgemäß sehr, sehr große Baugruppen, etwa ab 5.000 Teile aufwärts oder sogar noch mehr. Und dafür bietet mir Inventor dann auch die entsprechenden Werkzeuge, um diese Baugruppen zu handhaben, sei es in verwaltungstechnischer Art, sprich Stücklisten, sei es aber auch in Richtung Performance, dass ich diese Baugruppen vereinfachen kann, um sie überhaupt noch am Rechner handhaben zu können.”

Welche Unterschiede seht ihr bei CAM-Funktionen und der Fertigungsintegration?

Rajko Schmidt: „Nun, ich hatte schon erwähnt, dass Inventor von Haus aus etliche Module anbietet, dazu gehört unter anderem auch ein CAM-Modul. Das heißt, ich kann direkt in Inventor auch drehen, fräsen, wasserstrahlschneiden, kann dort meine Werkzeuge anbringen und kann das Ganze auch entsprechend als NC-Programme ausleiten. Wobei es auch dort natürlich Grenzen gibt. Inventor ist ein System für den Konstrukteur und CAM ist von der eigentlichen engen Konstruktion relativ weit weg. Und da denke ich, hat Fusion durchaus seine Stärken.”

Gerhard Wulff: „Ja, das ist richtig. Eingangs hatte ich Fusion schon als Plattform für das Engineering und die Fertigung bezeichnet. Die Software ist sehr stark im Bereich CAM, also sowohl in den Bereichen Fräsen, Drehen, Laserschneiden, Verschachteln, als auch in der additiven Fertigung. Wir haben viele Kunden, die Fusion auch als reines Arbeitsvorbereitungswerkzeug in der Fertigung nutzen. Ein großer Mehrwert liegt in der Kombination von Inventor und Fusion. Zu diesem Thema habe ich einen Webcast gehalten. Darin zeige ich ein Beispiel einer großen Inventor Konstruktion einer Sondermaschine, die ich mit einem Klick in die Fusion Cloud hochgeladen habe. Anschließend kann die Arbeitsvorbereitung das Bauteil weiterverarbeiten und für die Maschine vorbereiten – bis zum fertigen NC-Programm. Inventor und Fusion bilden also ein tolles Team an dieser Stelle.”

Autodesk Fusion CAM-Technologie

Kommen wir zum Thema Bereitstellung. Wo liegen aus eurer Sicht Vorteile der Cloud-Architektur von Fusion und wo mögliche Nachteile?

Gerhard Wulff: „Viele Systeme gehen mittlerweile in die Cloud, weil Administration und die Kollaboration dort sehr einfach sind. Es spielt keine Rolle mehr, ob die Leute im Homeoffice sind oder ob wir mit Kunden und Lieferanten auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. Das ist mit einer Cloud-Architektur ganz einfach. Man vergibt die entsprechenden Berechtigungen und die Mitarbeitenden können sich über das Web in die Teamplattform einloggen und dann ihren Teil am Projekt mitarbeiten. Das sieht natürlich ein bisschen anders aus, wenn man große Entwicklungsteams an einem festen Standort hat.”

Rajko Schmidt: „Richtig, hier ist Inventor als lokal installiertes System im Vorteil. Die Software benötigt allerdings auch die entsprechenden Ressourcen. Einerseits im Bereich Hardware, andererseits – und das sollte man nicht unterschätzen – im Bereich Administration. Ich muss das Programm ganz normal installieren, einrichten, konfigurieren, Vorlagen anlegen, Stile und vieles mehr definieren. Aber der Vorteil des Ganzen ist, dass ich dadurch eine sehr feinkörnige, feingliedrige Kontrolle über das System haben, was sich in der gemeinsamen Konstruktionsarbeit widerspiegelt.”

Wie sehen die Integrationsmöglichkeiten in andere Systeme aus, wie zum Beispiel PDM, PLM oder ERP?

Rajko Schmidt: „Nun, Inventor als – ich nenne es mal ‘Standalone-System’ – basiert auf einer Philosophie, die sagt: Ich habe ein System, das, was es machen soll, sehr sehr gut kann. Und angrenzende Funktionalitäten lagere ich an Systeme aus, die das besser können. Dazu gehört zum Beispiel die Datenverwaltung in einem PDM-System, wie etwa Autodesk Vault. Inventor konzentriert sich auf seine Kernkompetenzen und bietet mir die Schnittstellen, um andere Systeme anzubinden. Das heißt, ich habe dort eine ganz andere Philosophie als in Fusion.”

Autodesk Inventor Schnittstellen

Gerhard Wulff: „Im Gegensatz dazu arbeitet Fusion nach der Plattformphilosophie. Das heißt, alles soll innerhalb eines Systems funktionieren, ohne Schnittstellen. Das setzt natürlich voraus, dass die Daten in der Cloud liegen, damit alle darauf zugreifen können, um diesen Single Source of Truth-Gedanken zu haben. In der Praxis sieht das so aus: Wir haben ein Modell, was der Konstrukteur erstellt hat. Darauf kann das integrierte CAM-System zugreifen. Darauf kann das integrierte Rendering zugreifen. Darüber können wir unsere PLM-Workflows laufen lassen. Das Thema PLM ist also auch innerhalb dieser Plattform in Fusion integriert. Bis dahin braucht man eigentlich keine Schnittstellen. Ich möchte hier nur an der Stelle erwähnen, dass wir von Cideon eine Schnittstelle von Fusion zu SAP selbst entwickelt haben. So können Kunden, die bereits SAP nutzen, Fusion einfach auch an kaufmännische Prozesse anbinden.”

Welches System ist leichter zu erlernen – und warum?

Gerhard Wulff: „Ich glaube, bei der Erlernbarkeit tun sich die beiden Systeme nicht viel. Unternehmen, die eine teure CAD-Software implementiert haben, haben die Anforderung, dass die Leute schnell effizient damit arbeiten können. Kein Unternehmen kann es sich leisten, dass ein Mitarbeiter drei bis vier Monate braucht, um sich peu à peu ein CAD-System beizubringen. Stattdessen besuchen die Mitarbeitenden eine Woche lang eine Schulung, in der sie systematisch lernen, wie sie das Maximale aus dem System herausholen, um dann direkt in der darauffolgenden Woche im Unternehmen effizient eingesetzt werden zu können. Das gilt für beide Systeme. Wir von Cideon haben für Fusion und Inventor jeweils ein Schulungskonzept entwickelt. In Fusion starten wir mit einer dreitägigen Basisschulung und in Inventor mit einem fünftägigen Basistraining, um die Leute wirklich erstmal abzuholen.”

Rajko Schmidt: „Wie eben schon erwähnt, bietet Inventor viele Zusatzmodule. Dazu sind natürlich auch weitere Schulungen erforderlich. Aber das ist auch das Gute, dass Sie sich aus diesem ganzen Strauß der Möglichkeiten das heraussuchen können, was Sie wirklich brauchen. Seien es Kabel und Kabelbäume, seien es Rohrleitungen, seien es Simulationen oder auch die Arbeit mit Stahlbaugestellen. Und genau dafür bieten wir auch die Schulungen an.”

Gerhard Wulff: „Wir bieten für die Ausbaustufen von Fusion, also zum Beispiel in Richtung CAM oder Rendering, natürlich auch individuelle Schulungen für unsere Kunden an, als sogenannte Firmenschulung für die entsprechenden Spezialmodule.”

Cideon Autodesk Trainings

Bieten Inventor oder Fusion Möglichkeiten, KI-Funktionen im CAD-Engineering zu nutzen?

Gerhard Wulff: „Das ist noch ein recht junges Thema. Wobei man sagen muss, dass Autodesk schon seit zehn Jahren das Thema KI vorantreibt. In dieser Zeit wurde sehr viel im Hintergrund geforscht, um überhaupt erst mal die Frage zu klären: ‘Wie kann man im Engineering KI einsetzen?’. Und da hat sich Autodesk das System Fusion als Versuchsobjekt, als Spielwiese ausgesucht, weil es eben durch die Cloud-Technologie dort sehr schnell Features einbauen kann. Die User konnten dann testen, ob das ein sinnvoller Workflow ist. Nach und nach hat sich verfestigt, welche KI-Technologie wirklich Vorteile bringt. Das ist aktuell vor allem der Bereich Generative Design der Fall. Der Konstrukteur erhält in Fusion anhand von vorher eingegebenen Parametern mehrere Designvorschläge und kann mit dem besten KI-generierten Entwurf weiterarbeiten.”

Rajko Schmidt: „Autodesk nutzt Fusion, oder besser gesagt die ganze Fusion Plattform, als ein Entwicklungslabor, um neue Funktionalitäten im Bereich der KI auszuprobieren. Und da zeigt sich sehr schön diese Synergie, die Autodesk auch intern nutzt, indem die Funktionalitäten, die in Fusion entwickelt wurden, nach und nach auf die anderen Autodesk Produkte ausgerollt werden, zum Beispiel auch auf Inventor.”

Ziehen wir ein Fazit: Wo seht ihr klare Entscheidungskriterien: Wann Inventor – wann Fusion?

Rajko Schmidt: „Inventor würde ich auf jeden Fall für die Zusammenarbeit großer Teams empfehlen, die an einem Standort sitzen und die mit großen und komplexen Baugruppen und vielen Abhängigkeiten mit vielen Bauteilen arbeiten. Außerdem ist Inventor empfehlenswert, wenn Daten und Informationen an angrenzende Abteilungen weitergegeben werden müssen und wenn eine tiefe Integration in die Datenverwaltung und die Warenwirtschaft benötigt wird.”

Gerhard Wulff: „Die Stärken von Fusion liegen ganz klar in der Architektur, also in der Plattform, die dahintersteckt. Ein Produktentwicklungsteam, das wirklich viele Bereiche unter einen Hut bringen muss – das Design, das Engineering, die Fertigung, das Rendering – kann das sehr gut mit Fusion tun.”

Wenn man sich für eine der beiden Lösungen entschieden hat: Wie funktioniert die Einführung?

Gerhard Wulff: „Die Installation von Fusion ist eine Sache von einer Viertelstunde. Häufig sind die Kunden, die Fusion einsetzen, Unternehmen mit ein bis drei Lizenzen. Das ist ganz schnell gemacht, ohne administratives, tiefes Know-how zu besitzen. Die Software wird installiert, es wird ein Hub angelegt, es werden die User angelegt, die Berechtigungen festgelegt, noch ein paar Templates definiert und dann kann man, ich sage mal, innerhalb von einer halben Stunde loslegen.”

Rajko Schmidt: „Inventor ist ein lokal installiertes Produkt und deshalb brauche ich natürlich die Hardware. Ich brauche außerdem die Administrationsressourcen, um die Software zu installieren. Und ich muss das Ganze auch konfigurieren, genau wie in Fusion auch. Mit dem Installieren und Einrichten ist es aber nicht getan. Das Wichtigste ist, die Anwender mitzunehmen, und das geht am besten mit Schulungen. Das gilt natürlich für beide Systeme. Und ich denke, für beide Systeme haben wir sehr, sehr gute Lösungen, wo wir Sie auch durchaus noch weiter unterstützen können. Im weiteren Verlauf, mit Schulungen, aber auch mit Hilfestellungen, mit Training on the Job oder auch mit CAD-Richtlinien.”

Fazit: Inventor oder Fusion?

Beide Softwarelösungen sind leistungsstarke Tools, die Ihr Engineering voranbringen. Inventor und Fusion sind keine Gegensätze, sondern Lösungen für unterschiedliche Anforderungen. Inventor überzeugt bei großen, komplexen Baugruppen und tiefer Systemintegration. Fusion spielt seine Stärke aus, wenn Konstruktion, Fertigung und Zusammenarbeit in einer Plattform gebündelt werden sollen – flexibel und cloudbasiert.

Entscheidend ist nicht, welche Software „besser“ ist, sondern welche zu Ihrer Struktur und Strategie passt. Gerne unterstützen wir Sie bei dieser Entscheidung.